Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Juni 1990 im Zimmer des damaligen kommissarischen Leiters der Gesamtschule Rheine, Herrn Ludger Meier, stand, und mir durch den Dezernenten der Bezirksregierung Münster telefonisch mitgeteilt wurde, dass ich ab sofort die Leitung der Gesamtschule Rheine, so hieß unsere Schule damals noch, zu übernehmen habe. Ich freute mich einerseits sehr, hatte ich doch seit gut einem 3/4 Jahr auf diesen Tag hingearbeitet, andererseits wurde mir endgültig klar, welche Verantwortung ich da übernehmen wollte: Der Aufbau einer neuen Schule in einer Schulform, die meinen pädagogischen Erwartungen und Ansprüchen entsprach, die mir aber in der Praxis unbekannt war, ein Kollegium, von dem ich nur einige kannte, Schüler in einer Altersklasse, die ich seit etlichen Jahren nicht mehr unterrichtet hatte, Eltern, in ihrer münsterländischen Art mir durchaus vertraut, aber dennoch im einzelnen unbekannt. Als neuer Schulleiter kam ich in eine Schule, in der alle Beteiligten ihre Erfahrungen schon ohne mich gemacht hatten. Eine spannende, eine lohnende, eine schwierige Aufgabe.

Gründungsschwierigkeiten

Wenn ich so nachdenke, bin ich wieder mitten drin in den damaligen Ereignissen, aber eigentlich beginnt die Geschichte der (Euregio) Geamtschule Rheine viel früher: mit Eltern, die sich zusammentun, um für ihre Kinder in Rheine eine Gesamtschule einzurichten, die bald merken, dass sie dies nur gegen den erbitterten Widerstand der Mehrheit im Rat und auch gegen den Widerstand der Stadtverwaltung erreichen können. Die Auseinandersetzungen werden auf beiden Seiten härter, Flugblätter, Unterschriftenaktionen, Anmeldeverfahren und der Gang zum Verwaltungsgericht auf der einen Seite, auf der anderen Seite trickreiche Finten mit dem Vorschlag die Gesamtschule nur als Sek. I-Schule zu führen, mit der Ablenkung, die Gesamtschule, wenn auch nur für die erste Zeit, in ein Gebäude am äußersten Stadtrand einzuquartieren, einseitige Interpretationen von gesetzlichen Bestimmungen zu Ungunsten der Eltern auf der anderen Seite. Als Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bin ich am Rande Mithandelnder. Ich sehe mich noch etliche Jahre vor Gründung der (Euregio) Gesamtschule Rheine im damaligen Stadtparkrestaurant als ein mit meiner Gewerkschaft für die Gesamtschule Rheine Streitender.

Das Anmelderverfahren im Februar 1989 führte dann zu dem Ergebnis, dass die Stadtverwaltung nicht mehr ignorieren kann. Mehr als 120 Anmeldungen sind aus dem Stadtgebiet für die Geamtschule Rheine eingegangen, aus den umliegenden Gemeinden kommen noch weitere Anmeldungen hinzu, so dass die Gesamtschule Rheine am 7. August 1989 mit 132 Schülern startete.

Standortfragen und andere Probleme

Im Vorfeld hatte es noch heftige Auseinandersetzungen um den Standort gegeben. Sollte die zukünftige Gesamtschule in den Stadtpark? Sollte etwa das Emsland-Gymnasium und die Elisabethschule aufgelöst werden? Könnte man sich vorstellen, die Gesamtschule am Standort des Dionysianums unterzubringen? Welche großen Ringtauschmöglichkeiten gäbe es? Oder sollte man den einfachen Weg nehmen und die Gesamtschule Rheine im Schottock, in der Bonifatiusschule unterbringen? Dies wurde dann zunächst beschlossen. Unter den Mühen dieser Entscheidung hatte man das Ausschreibungsverfahren für den Schulleiter zeitlich nicht mehr so einbringen können, dass zum Schuljahresbeginn ein Schulleiter bestellt war. Daher wurde der damalige Leiter der Bonifatius-Hauptschule, Herr Ludger Meier, als kommissarischer Leiter der Gesamtschule Rheine eingesetzt. Er leitete in dieser Zeit kommissarisch die Gesamtschule und hauptamtlich weiter die Bonifatius- Hauptschule, die zur auslaufenden Schule erklärt wurde.

Mit meiner Bestellung war nur der eine Teil des Problems gelöst, nämlich die Schulleiterfrage. Die andere, die Standortfrage, war weiterhin ungelöst, da sich bald herausstellte, dass der an dem Standort der Bonifatius-Hauptschule zur Verfügung stehende Raum und Schulhof nicht für die beschlossene 5-zügige Gesamtschule mit Sekundarstufe I und Sekundarstufe II ausreichen würden, auch dann nicht, wenn zusätzlich gebaut würde, da vor allem Dingen die zur Verfügung stehende Fläche zu gering war. Die Suche nach einem neuen geeigneten Standort und die begleitenden Arbeiten mit der peniblen Berechnung von Rasterflächeneinheiten für jede Klasse und jeden Fachraum nahmen wichtige Kräfte in Beschlag. Zu errechnen war leicht, wieviel dann für so eine große Schule zu berechnen und beantragen sei, weniger leicht war, herauszufinden, an welchen der verschiedenen Standorte dies denn am besten zu realisieren wäre.

Gespräche mit der Verwaltung und mit den Politikern, Besichtigungen an den in Frage kommenden Standorten, Nachbesserungen und Nachüberlegungen zu Hauf füllten meinen Terminplan und die Terminpläne anderer. Die Besichtigung der alten Textilfabrik Kümpers an der Ems, Gespräche mit Architekten dazu, erste Entwürfe und Zeichnungen für die Entkernung des Gebäudes, weiterführende Entwürfe in Bezug auf ein anzuschließendes Textilmuseum, eine Kooperation mit einem Kreativwerkhof für arbeitlsose Jugendliche auf dem Kümpersgelände und ähnlich spannende Projekte füllten Tage und Nächte. Der Traum von der Traumschule in der Textilfabrik war heftig und kurz. In meiner Vorstellung hatte ich immer die Phantasie von Wasser, was ich mit der naheliegenden Ems und den darin für Schüler befindlichen Gefahren assoziiere. Dass das Projekt dann aber kläglich "ins Wasser fiel", da die Kosten für das Projekt so hoch gerechnet wurden, dass das Vorhaben weder vom Land noch von der Stadt zu finanzieren war, merkte ich erst später.

Damit war die Standortfrage wieder offen und Politik und Verwaltung gingen daran, ein Paket zu schnüren: Die Gesamtschule Rheine sollte nun endgültig zum Stadtpark, also an die Goebenstraße und dort in das Gebäude der Fürstenberg-Realschule einziehen. Der Fürstenberg-Realschule wurde der Umzug in das Gebäude der Bonifatius-Hauptschule, die als auslaufende Schule in die Overberg-Hauptschule verlegt wurde, zugemutet, wobei manche Lehrer und Schüler dies später nicht als Zumutung empfanden. Mit dem Wachsen der Gesamtschule Rheine sollte auch die an der Ludwigstraße sich befindene Martin-Luther-Hauptschule auslaufen und zur Overberg-Hauptschule verlegt werden.

Natürlich ging dies alles nicht ohne viele Diskussionen mit den Vertretern der Stadtverwaltung, mit den verantwortlichen Politikern, mit Herrn Jekuhl vom damaligen Kultusministerium, mit dem damaligen Kultusminister Girgensohn, mit Vertretungen der Bezirksregierung, mit Kolleginnen und Kollegen, Eltern und Schülern.

Freundeskreis

In dieser Zeit der heißen Auseinandersetzungen um die Traumschule und den Standort wurde der Freundeskreis der Gesamtschule Rheine gegründet, insbesondere zur ideellen, aber auch zur finanziellen Unterstützung der Gesamtschule Rheine.

Von den jetzigen Eltern und Lehrern gehören noch manche dem Freundeskreis an, die diesen 1990 als Vereinsgründer mitbegründet haben und ihn seither tragen.

Innerer Aus- und Aufbau

Die Geamtschule Rheine war als Ganztagsschule mit 3 langen Nachmittagen gestartet und hatte neben dem offenen Angebot in der 1-stündigen Mittagspause von Anfang an das Angebot eines Mittagessens. Dafür wurde ein heller freundlicher Essensraum geschaffen und die Firma Apetito-Catering, eine Tochterfirma der hiesigen Firma Apetito, in die Pflicht genommen. Das Konzept der sozialen Integration und das Ganztagsangebot überzeugten Schüler und Eltern, so dass im zweiten Anmeldeverfahren schon mehr als 140 Schüler an der Gesamtschule Rheine angemeldet wurden. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die neuen Schüler und ihre Eltern in der Eingangshalle der Bonifatiusschule, auf einem Tisch stehend, mit einem Zitat von Hermann Hesse: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" begrüßte. Wenn ich an die heutigen ausgefeilten Begrüßungsfeiern für unsere neuen Schüler im Jahrgang 5 denke: ein Provisorium, das ich mir heute kaum noch vorstellen kann.

Ansonsten gingen wir aber mit viel Mut und Tatkraft an unseren pädagogischen Auftrag. Wir heißt, der Gründungsjahrgang der Kollegen, 15 im 2. Jahrgang neu hinzugekommene Lehrerinnen und Lehrer, unter ihnen der langjährige stellvertretende Schulleiter und Organisationsleiter, Herr Tasso Eichel, und viele engagierte Eltern, die mitreden und mitbestimmen sollten und wollten, die mit anpackten und halfen, wo es nötig war und wo es für sie möglich war. Und mitten drin die Schüler, von denen sich der erste Jahrgang, inzwischen der Jahrgang 6, bald als Erstgeborene fühlen sollten, mit all den Vorteilen und all den Nachteilen, die das Erstgeburtsrecht so mit sich bringt. Und dann die 5er des Jahrgangs 1990: Eine Herausforderung. Nachdem die letzten Schüler dieser beiden Jahrgänge uns mit den beiden ersten Abiturklassen verlassen haben, können wir mit Recht feststellen: Wir sind stolz, dass wir mit diesen Schülern die Abschlüsse der Sekundarstufe I und die Abschlüsse der Sekundarstufe II, einschließlich des Abiturs erreicht haben. Mit all den Freuden, aber auch Schwierigkeiten, die einen solchen Erziehungsprozess begleiten, waren wir konfrontiert. Mit etwas Wehmut und viel Erleichterung blicken wir auf die Arbeit dieser Jahre zurück.

Rückblick und Ausblick

Wenn ich heute in dem Schulleiterzimmer der Euregio Gesamtschule Rheine stehe, einem anderen Raum in einer ganz anderen Schule, dann denke ich oft an diese beiden ersten Jahre zurück. Ich denke aber auch nach vorne, an die nächsten Jahre, die mir noch bleiben, um an meiner Traumschule weiter zu bauen.

Rheine, im Juni 1999

Walter Hüsken